Wir verlassen Kaunas und fahren an die Ostseeküste Litauens, nach Kleipeda. Dort nehmen wir die Fähre, nur ca. 10 Minuten Fahrt und sind schon auf der Kurischen Nehrung, unserem Ziel. Nach Verlassen der Fähre dauert die Fahrt zum Campingplatz in Nidda noch ca. 1 Stunde, für 45 km, weil die Straße in einem schlechten Zustand ist. Zudem recht teuer; die Fähre kostet 43 Euro, hinzu kommen 20 Euro Straßennutzungsgebühr, wohl für einen ca. 15 km erneuten Straßenabschnitt. Der Campingplatz liegt am Ende des litauischen Teils der Nehrung, 300 m vor der russischen Grenze.
Die Kurische Nehrung ist eine der faszinierendsten und fragilsten Naturlandschaften Europas. Dieser schmale, 98 Kilometer lange Landstreifen trennt das Kurische Haff von der offenen Ostsee und erstreckt sich von der samländischen Halbinsel in Russland (Kaliningrader Gebiet) im Süden bis zur litauischen Hafenstadt Klaipėda im Norden.
Seit dem Jahr 2000 gehört die Kurische Nehrung zum UNESCO-Weltkulturerbe – als herausragendes Beispiel für eine vom Menschen gestaltete, aber ständig bedrohte Kulturlandschaft.
Geografie und die Dynamik des Sandes
Die Breite der Nehrung variiert extrem: An der schmalsten Stelle bei Sarkau (Lesnoi) misst sie gerade einmal knapp 400 Meter, während sie bei Nidden (Nida) auf fast vier Kilometer anwächst.
Das prägendste Merkmal der Nehrung sind ihre gigantischen Wanderdünen, die oft als „Ostpreußische Sahara“ bezeichnet werden. Die Tote Düne (Parnidis-Düne) bei Nida ist mit über 50 Metern eine der höchsten Dünen Europas. Das Zusammenspiel von starkem Westwind, feinem Sand und Meeresströmungen sorgt dafür, dass sich die Landschaft in einem ständigen Zustand des Wandels befindet.
Die historische Tragödie der „Wandernden Dünen“
Die Geschichte der Kurischen Nehrung ist eine eindringliche Warnung vor den Folgen menschlicher Raubbau-Wirtschaft:
- Die Entwaldung: Im 16. und 17. Jahrhundert wurden die schützenden Wälder der Nehrung für den Schiffbau und durch Überweidung fast vollständig abgeholzt.
- Die Katastrophe: Ohne die Wurzeln der Bäume verlor der Sand seinen Halt. Der Wind trieb die Dünen unaufhaltsam nach Osten. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert wurden insgesamt 14 Dörfer komplett von den Sandmassen begraben. Die Bewohner mussten ihre Heimat immer wieder aufgeben und weiterziehen.
- Die Rettung: Erst im späten 18. Jahrhundert begann unter der Leitung von Pionieren wie Franz Epha eine systematische Wiederaufforstung. Durch das Anlegen eines künstlichen Vordünenwalls und das Pflanzen von extrem widerstandsfähigen Bergkiefern konnte der Sand schließlich im späten 19. Jahrhundert weitgehend privatisiert und stabilisiert werden.
Kultur und Mythos: Das Land der Kuren
Die Nehrung war jahrhundertelang von den Kuren besiedelt, einem baltischen Stamm, der hauptsächlich vom Fischfang lebte. Ihre Kultur war tief geprägt von der Isolation zwischen Haff und Meer.
Ein markantes Kulturgut sind die Kurenkähne mit ihren typischen, farbenfroh geschnitzten Kurenkahnwimpeln an den Mastspitzen. Diese dienten ursprünglich der Fischereiaufsicht zur Erkennung der Boote, entwickelten sich aber zu kunstvollen Symbolen für Familie, Heimat und Glauben.
Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten Künstler die magische Lichtstimmung der Nehrung. In Nidden entstand eine berühmte Künstlerkolonie, die Maler des Expressionismus wie Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff anzog. Auch der Nobelpreisträger Thomas Mann verfiel dem Charme der Landschaft und ließ sich hier ein Sommerhaus errichten, in dem er Teile seiner Roman-Trilogie Joseph und seine Brüder schrieb.
Die Nehrung heute: Ein geteiltes Paradies
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Demografie der Nehrung radikal; die deutsche und kurische Bevölkerung wurde vertrieben. Heute ist die Halbinsel politisch zweigeteilt:
- Der nördliche Teil (ca. 52 km) gehört zu Litauen und ist über das Urlaubszentrum Neringa touristisch hervorragend und nachhaltig erschlossen.
- Der südliche Teil (ca. 46 km) gehört als russische Exklave zur Oblast Kaliningrad.
Beide Seiten stehen heute unter strengem Naturschutz (Nationalparks). Neben den Dünen ist die Nehrung vor allem für die Vogelwarte Rossitten (heute Rybatschi) bekannt. Sie wurde 1901 als weltweit erste ornithologische Station gegründet, da die Kurische Nehrung eine der wichtigsten Reiserouten für europäische Zugvögel ist.
Am ersten Tag unternehmen wir sowohl eine Radtour über sehr gute ausgebaute Radwege, besichtigen das Sommerhaus von Thomas Mann, fahren zu einer 8 km entfernte Aussichtsplattform mit Blick über die gesamte Insel und genießen am Abend den Sonnenuntergang am Meer.







