Es ist der 26. Juli und wir verlassen Haapsalu schon nach einem Tag und entscheiden uns in Tallinn für einen Campingplatz der ca. 20 km vor Tallinn liegt, in dem kleinen Ort Padula mit einem Bahnanschluss, so dass wir Tallinn günstig mit der Bahn erreichen können. Die Station ist nur 300 m entfernt und der Zug fährt jede Stunde. Nach dem wir uns eingerichtet haben starten wir zur ersten Stippviste nach Tallinn, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.
Die Geschichte der heutigen estnischen Hauptstadt Tallinn reicht weit zurück und ist geprägt von wechselnden Herrschaften, Handelsblüte und kulturellen Einflüssen aus ganz Nordeuropa. Bereits im frühen Mittelalter befand sich an der strategisch günstigen Stelle am Finnischen Meerbusen eine estnische Siedlung namens Reval. Ihre Lage machte sie zu einem wichtigen Knotenpunkt zwischen Skandinavien, Russland und Mitteleuropa.
Einen entscheidenden Einschnitt markierte das Jahr 1219, als der dänische König Waldemar II. die Region eroberte. Der Legende nach fiel während dieser Schlacht die dänische Flagge, der Dannebrog, vom Himmel. Unter dänischer Herrschaft entwickelte sich die Stadt weiter, bevor sie 1346 an den Deutscher Orden verkauft wurde. In dieser Zeit wurde Reval Mitglied der Hanse und erlebte eine wirtschaftliche Blüte. Kaufleute, Speicherhäuser und mächtige Stadtbefestigungen zeugen noch heute von dieser Epoche.
Im 16. Jahrhundert geriet die Stadt in den Einflussbereich Schwedens. Während der schwedischen Herrschaft wurde Tallinn zu einem wichtigen Verwaltungs- und Militärzentrum im Ostseeraum ausgebaut. Diese Phase endete 1710 im Zuge des Großer Nordischer Krieg, als russische Truppen die Stadt einnahmen. Fortan gehörte Tallinn zum Russischen Reich, behielt jedoch viele seiner deutschen und baltischen Traditionen.
Erst im 20. Jahrhundert begann für Tallinn eine neue nationale Phase. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Estland 1918 unabhängig, und Tallinn wurde zur Hauptstadt des neuen Staates. Diese Selbstständigkeit währte jedoch nicht lange: 1940 wurde Estland im Zuge des Zweiten Weltkriegs von der Sowjetunion besetzt, später von Deutschland und erneut von der Sowjetunion kontrolliert. Erst 1991, nach dem Zerfall der UdSSR, erlangte Estland seine Unabhängigkeit zurück.
Seitdem hat sich Tallinn zu einer modernen, dynamischen Hauptstadt entwickelt, die ihre mittelalterliche Altstadt – heute UNESCO-Weltkulturerbe – bewahrt hat und gleichzeitig als Vorreiter in Digitalisierung und Innovation gilt. Die Stadt verbindet somit auf einzigartige Weise jahrhundertealte Geschichte mit moderner europäischer Gegenwart.
Am 2. Tag besuchen wir die Stadt erneut mit der Bahn und besuchen als erstes den Domberg und die Burg Toompea, das historische Zentrum der Macht. Einst ließen hier die Bürger und Kaufleute der Unterstadt einen eigenen Teil der Stadtmauer errichten, um sich gegen die Ordensmacht zu schützen.
Die Aussichtsplattform bietet eine phantastische Sicht über die Stadt bis zum Hafen und nach einem kurzem Gang durch die Gassen stehen wir vom dem Dom und nach wenigen Schritten vor der riesigen orthodoxen Kathedrale. Gegenüber liegt das Schloß, in dem heute das estnische Parlament tagt.




Beim Spaziergang vom Domberg in die Altstadt gehen wir durch die Stadtmauer (ein Teilstück mit 4 Türmen ist hier noch erhalten, z.T. mit einem Museum) und wandern zum Rathausplatz mit seinem gotischen Rathaus; hier kaufen wir eine Eintrittskarte und erklimmen den Turm; kein leichtes Unterfangen, da die Treppe sehr eng wird und sehr ungleiche Stufen hat, sowohl in der Breite als auch in der Tritthöhe (bis zu 40 cm). Noch am nächsten Tag habe ich einen Muskelkater vom Treppensteigen. Doch der Aufstieg mit herrlichen Blick auf den Rathausplatz bis hin zum Hafen entlohnt für die Kraftanstrengung.


Am späten Nachmittag besuchen wir ein Chorkonzert in der Heilig-Geist-Kirche. Ein Jugendchor aus Bentenville (USA) bietet ein herrliches Chorkonzert. Anschließend nehmen wir die Bahn zurück zum Campingplatz. Aufgrund der späten Fahrzeit hält der ZUg nicht in Padula und wir müssen von der nächsten Haltestation eine 40 min Fußmarsch in Kauf nehmen.
Am dritten Tag fahren wir mit dem Fahrrad in die Stadt. Für die etwa 20 km lange Strecke auf meist gut ausgebauten Fahrradwegen benötigen knapp eine Stunde und besichtigen als erstes das Museum in der ehemaligen gotischen Nikolaikirche. Das Museum bietet einen Aufzug auf dem Turm mit einem phantastischen Rundumblick über Stadt und Hafen sowie mit dem einzig erhaltenem Teilstück des ehemals 30 m langen Gemäldes „Der Totentanz“ von Bernt Notke aus Lübeck, ein besonderes Highlight.

Der „Totentanz“ von Bernt Notke ist eines der berühmtesten Kunstwerke Estlands und ein herausragendes Beispiel spätmittelalterlicher Kunst im Ostseeraum. Entstanden ist es vermutlich Ende des 15. Jahrhunderte und Bernt Notke war einer der bedeutendsten spätgotischen Künstler Nordeuropas. Es wurde als Öl auf Leinwand (sehr selten für diese Zeit!) gemalt und war ursprüngliche Länge ca. 30 Meter lang, nur noch etwa 7–7,5 Meter Fragment erhalten geblieben ist. Der Totentanz ist ein typisches Motiv des Mittelalters und steht für die Vergänglichkeit des Lebens.
Dargestellt sind Menschen aller Stände, Papst, Kaiser, König, Geistliche und Bürger. Sie werden von Skeletten (dem Tod) zum Tanz geführtMit cider Botschaft: Vor dem Tod sind alle Menschen gleich. Der Ursprung dieses Motivs hängt eng mit den Erfahrungen der Pest und Krisen des Mittelalters zusammen – der Tod war allgegenwärtig und wurde bewusst ins Leben integriert.
Das Gemälde beginnt vermutlich mit einem Prediger, der zur Besinnung aufruft, danach folgen Figuren in strenger Rangordnung und dazwischen ihnen jeweils tanzende Todesgestalten.
Es ist jedoch nur der Anfangsteil mit etwa 13 Figuren erhalten geblieben und gilt als bekanntestes mittelalterliches Kunstwerk Estlands.


Zum Abschluss des Tages besuchen wieder ein Konzert, diesmal in der Johanneskirche. Es spielt ein Orchester und es singen ein Chor, auch dieses Mal aus den USA. Während der Chor eine positive Überraschung war, überzeugte der Chor nicht. Gegen 19:45 Uhr fahren wir mit dem Fahrrad zurück, eine kürze Strecke, ca. 18 km und sind nach ca. 1 Std am Campingplatz.
Am vierten und letzten Tag besuchen wir das Telliskivi Creative City, das bekannteste und spannendste Kreativviertel in Tallinn es liegt nördlich der Altstadt im Stadtteil Kalamaja und gehört heute zu den lebendigsten Orten der Stadt. Ursprünglich war das Gelände ein Eisenbahn- und Fabrikkomplex aus dem 19./20. Jahrhundert. Nach dem Ende der Industrie wurde das Areal ab den 2000er-Jahren umgebaut. Heute ist es ein Zentrum für Kunst, Start-ups und kreative Unternehmen.




Der besondere Reiz sind die alten Backsteinhallen und die modere moderne Kreativszene, Street Art & Graffiti an fast jeder Wand ,Galerien, Ateliers & Designläden so wie viele Cafés, Bars und Restaurant. Ein Highlight im Viertel ist das Fotomuseum Fotografiska Tallinn – international bekannt für moderne Fotografie. Wir besuchen das Fotomuseum und sind überrascht über die vielen kreativen „Fotokreationen“





Nach dem Fotomuseum noch einen Gang durch die Stadt zum Viru – Tor und über den Rathausplatz, bevor wir dann zum dritten Mal als Tagesabschluss ein Chorkonzert – dieses Mal ein kanadischen Chor – in der Johanneskirche besuchen.
